media reports

Ein Interview mit Noordkaap

Hannes Klug, Februar 2019

Das Auto ist das
exemplarische Objekt des 20. Jahrhunderts schlechthin. Es verkörperte das
stromlinienförmige Versprechen von Unabhängigkeit und persönlicher Freiheit, in
seiner glänzenden Karosserie spiegelte sich der Erfolg des Einzelnen ebenso wie
der einer ganzen Gesellschaft. Deutschlands Ruf als weltweites Epizentrum der
Fahrzeugtechnik wird höchstens durch den seiner Autobahnen übertroffen, auf
denen in Licht-geschwindigkeit gefahren werden dürfte, wäre es technisch
möglich. Auch Köln ist eine Autostadt, gebaut für und geprägt vom
Automobilverkehr. Es ist die Heimat der deutschen Ford-Werke; die A1, A3 und A4
umspannen die Stadt wie ein Fadenspiel, das der allmächtige Gott des Verbrennungsmotors
zwischen seinen ölverschmierten Fingern aufgespannt hat.

Zeit, Abschied zu
nehmen, sagt NOORDKAAP, eine nomadische holländische Produktionsplattform
für zeitgenössische Kunst. Zeit, das Auto ein letztes Mal zu feiern und
die Dellen, die es in Kölns Stadtlandschaft gefräst hat, zu stillen Denkmälern
zu erklären: Schön war die Epoche, als wir unsere aufgestaute Wut an der Hupe,
dem drängelnden Nebenmann oder einem viel zu langsamen Sonntagsfahrer auslassen
konnten, in der wir Dieselgestank wie Süchtige inhalierten und wie in
Zwangsjacken fixiert im Stau standen. Die Zukunft gehört dem gleichmäßigen
Dahinschweben digital gesteuerter Kabinen, die mehr wissen als ein Mensch am
Steuer, und die zugleich als schlaflose Agenten des Überwachungskapitalismus all
unsere Wege und Ziele speichern. Die Geschwindigkeit der Datennetze hat den
Tachometer abgelöst und ist längst zum wahren Gradmesser zukunftstauglicher
Technologie und konkurrenzfähiger Wirtschaftssysteme geworden.

Zusammen mit dem
Künstlerduo JODI, bestehend aus JOAN HEEMSKERK und DIRK PAESMANS (VR
Taxi), sowie den Künstlern ABNER PREIS (Industrial Ghost Stories) und MAX
DOVEY

(Cologne, what is your mother’s maiden name?) platziert Noordkaap drei mobile
Memory Stations in Taxis, die durch Kölner Straßen gleiten. Geschichtsträchtige
Gebäude, Kunstwerke im öffentlichen Raum und andere urbane Merkmale der
(vergangenen) Autoindustrie ziehen an den Passagieren vorbei. Während manche
Teilnehmer*innen mithilfe von VR-Brillen und 360-Grad-Videotechnologie in die
Geschichte und Geschichten rund um das Auto eintauchen, suchen andere auf
Touren durch Mülheim nach den vergessenen Geistern des Automobilzeitalters und
deren digitalen Nachfolgern. Immer wieder verbinden sich Geschichten mit
ortsspezifischen Interventionen, an denen die Passagier*innen spielerisch
partizipieren. Im Academyspace, der virtuellen Zentrale von Noordkaap Taxi,
generiert ein digitales Schaltpult aus einem Dialog der Teilnehmer*innen mit
einem Moderator die zu fahrende Route. Dabei beantworten die Nutzer*innen
Sicherheitsfragen zu verschollenen Passwörtern und berühren so Themen wie
Online-Identität, digitale Privatsphäre, Aufbewahren persönlicher Erinnerungen
und Fragen des kulturellen Erbes.

©Hannes Klug

Februar 2019